Gastbeitrag: Scham und Grenzen – Auswirkungen frühkindlicher Traumata

Es gibt einen wesentlichen Unterschied von Scham und Schuld:

 

Scham bedeutet, dass wir von uns selbst denken, nicht gut genug oder gar falsch zu sein, dass mit uns als Person etwas nicht stimmt. Scham ist ein natürlicher Instinkt, um sich von sich selbst wegzuschieben – Fragmentierung – innere Trennung.

 

Schuld hingegen bedeutet, dass wir uns für unser Verhalten verurteilen, nicht aber unsere Person an sich. Bei Schuld können wir in gewisser Weise wieder etwas gutmachen.

 

Scham beginnt in einem Alter, wo wir noch nicht über uns selbst denken. Wir reagieren instinktiv auf unser selbst, basierend darauf wie andere auf uns reagieren. Als Kind entwickeln wir schambasierte Identifikationen und Überlebensstrategien, um emotional zu überleben.

Ursachen für Scham

Wir entwickeln Scham, weil wir als Kind um jeden Preis an der Bindung zu unseren Eltern festhalten, auch wenn diese unsere Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllen. Das Bedürfnis nach Bindung ist der biologische und emotionale Anhaftungsimpuls des Kindes an seine erste Bezugsperson, in der Regel die Mutter. Wir sind für unser physisches und emotionales Überleben komplett abhängig davon, dass sich jemand um uns kümmert.

 

Wenn also die Eltern nicht fähig sind, unseren Bedürfnissen nachzukommen, muss das Kind diesen Anteil seiner selbst von sich wegschieben, fragmentieren, da sonst für das Kind die Bindung zur Bezugsperson gefährdet ist und diese muss um jeden Preis für das instinktive Überleben erhalten bleiben. Durch die Abspaltung des eigenen Anteiles mit einem Bedürfnis, dass nicht gesehen und befriedigt wird, ist die Botschaft, die das Kind erhält, dass etwas grundlegend falsch und unliebsam an ihm ist. Dies hinterlässt in dem fragmentierten Anteil einen tiefen Schmerz zurück. Das Kind beginnt, sich für seine emotionalen Bedürfnisse zu schämen.

 

Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass wir nicht von einzelnen Bedürfnissen oder Situationen sondern von einem grundlegenden, wiederholenden „nicht optimal einstimmen können“ auf die für das Kind essentiellen Bedürfnisse von Bindung und somit Sicherheit sprechen.

 

Im Alter, wenn wir als Baby mehr interagieren und uns schneller anfangen fortzubewegen mit Krabbeln und Laufen, ist die Zeit, in der unsere Care-Takern, uns Grenzen mit einem klaren „Nein“ setzen müssen, um uns von Gefahren zu schützen. Klare Grenzen und ein klares Nein sind essentiell für das Kind, um sich später im Leben orientieren zu können und zu lernen, was eine gefährliche Situation ist. Bei diesem klaren Nein, findet ein kurzer Unterbruch in der Verbindung zum Kind statt.

 

Dies ist auch ein physischer Ablauf, indem es im Nervensystem zu einem kurzen Schock, einem Erstarren kommt, um jegliche weiteren Abläufe zu unterbrechen (Selbstschutz). Somit ist wichtig zu verstehen, dass Scham eine physiologische Reaktion ist.

Deshalb ist es absolut wichtig, dass unmittelbar nach dem klaren „Nein“, die Botschaft kommt „aber du bist geliebt“. Dies kann verbal oder nonverbal sein. Bleibt diese Botschaft aus, entwickelt das Kind Scham.

Denn nur wenn wir klare Grenzen und somit das Gefühl von Sicherheit haben ohne dabei in Scham zu sein, können wir Intimität und somit Verbindung zulassen.

Scham führt zu Isolation

Wenn wir Scham empfinden, denken wir, dass etwas schlecht und falsch an uns ist und dass es undenkbar ist, dass jemand oder etwas sich zu uns hingezogen oder mit uns in Verbindung treten kann. In unserem Glauben können wir unmöglich jemandem so viel bedeuten, dass er sich von uns abgelehnt fühlen könnte. Daraus entsteht ein Teufelskreis. Da die andere Person sich von uns nicht geliebt und abgelehnt fühlt (fehlende Verbindung/Bindung), verlassen sie uns irgendwann und dann haben wir die selbsterfüllende Prophezeiung, dass mit uns etwas nicht stimmt.

 

Mit Scham und Schuld verletzen wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere, indem wir ihnen unsere Wahrheit nicht zumuten.

Wie kannst du Scham lösen

Positives Denken hilft nicht! Wenn wir wachsen wollen, sind wir gefordert, unsere Schuld- und Schamgefühle offen und interessiert zu erkunden. Das Antidote zu Scham ist Mitgefühl.

Wir dürfen lernen die eigene Scham zu besitzen, zu fühlen, anzunehmen. Dies ist der erste Schritt zur Heilung. Der Weg hinaus ist, der Weg hinein in die Emotionen, den ursprünglichen Schmerz, um dann zu erkennen, dass es im Ursprung niemals mit einem Selbst zu tun hatte. Bedingungslose Selbstannahme.

 

Eine Affirmation, die helfen könnte, für den Ursprungs-Schmerz

 

„Jetzt akzeptiere und erkenne ich, dass es nicht in meiner Macht stand, irgendetwas dafür zu tun oder daran zu ändern, das mich meine ……. (Bezugspersonen) in meinem verletzlichen Kind-Sein mit meinen Bedürfnissen gesehen und wahrgenommen hätten.“

 

Im Weiteren ist wichtig, die Angst und den Schmerz, die Überwältigung im Nervensystem zu regulieren, die darin entstanden ist, dass essentielle Bedürfnisse in unserem frühkindlichen Sein, nicht erfüllt wurden. Dies ist der Ursprung dessen, dass Scham = Fragmentierung und Abtrennung von Anteilen in uns, zu Stande gekommen sind. Jedoch muss dafür die Selbstregulierungsfähigkeit in unserem Nervensystem geschaffen werden, um nicht wieder in eine emotionale Überwältigung zu gelangen. Es ist notwendig über den Körper zu arbeiten, da dies vor allem auf dem unbewussten Körpergedächtnis gespeichert ist. Hierzu empfehle ich dir auch meine Seite „was ist Trauma“, um noch besser zu verstehen, weshalb das so ist.

 

 

Buchempfehlungen

„Befreiung von Scham und Schuld“ – Laurence Heller und Angelika Doerne 

„Anatomy of Loneliness“ – Teal Swan

Solange Caviezel

Ich bin Solange Caviezel und führe eine Praxis für Traumatologie & verkörpertes Bewusstsein.

 

Darin vereine ich meine über 14 Jahre Erfahrung als Therapeutin aus Körpertherapie, Spiritualität und Bewusstseinsarbeit. Heute arbeite ich vor allem mit Somatic Experiencing und Prozess- und Embodimentfokussierter Psychologie. Was sich dir als Lebensthema, Problem oder Trauma zeigt, darin sehe und fühle ich den verborgenen Schatz und das darin liegende Potential mit meinen sensitiven Fähigkeiten.

 

Mehr zu meiner Person und Angebot findest du auf

 

praxissimplybe.ch

Solange Caviezel

Blogcast

Was ist Shadow Alchemy

Nur auf dem Pfad der Nacht erreicht man die Morgenröte.

Khalil Gibran

 

Schadow Alchemy bedeutet, den Mut zu haben, deinen Schattenweg zu gehen.

Den Mut zu haben, in die volle Akzeptanz zu gehen, mit allem, was jetzt gerade ist.

Den Mut zu haben, zu werden, wer du wirklich bist.

Den Mut zu haben, dich in der Tiefe zu erkennen und zu lieben. 

Den Mut zu haben, dich zu achten und dein Potenzial Schritt für Schritt zu aktivieren.

Sodass du dich voll und ganz entfalten kannst, ohne dich zu verstecken.

Sodass du dich voll und ganz dem Leben hingeben kannst, frei von Zweifeln und irrationalen Ängsten.

Sodass du Schöpferin deines Lebens wirst und dich selbst wieder ermächtigst, frei von Scham und Schuld.

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